Schiefes Haus (Großbottwar)

Datenbank Bauforschung/Restaurierung

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Fachwerkhaus, sog. "Schiefes Haus"

ID: 175871991620  /  Datum: 16.10.2013
Datenbestand: Bauforschung
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Objektdaten

Straße: Schwörhausgasse
Hausnummer: 6
Postleitzahl: 89073
Stadt: Ulm
Regierungsbezirk: Tübingen
Kreis: Ulm (Stadtkreis)
Gemeinde: Ulm
Wohnplatz: Ulm
Wohnplatzschlüssel: 8421000028
Flurstücknummer: keine
Historischer Straßenname: keiner
Historische Gebäudenummer: keine
Lage des Wohnplatzes: Lage des Wohnplatzes

Kartenansicht (OpenStreetMaps)

Objektbeziehungen

keine

Umbauzuordnung

keine

Weitere Objekte an diesem Wohnplatz

Bauphasen

Kurzbeschreibung der Bau-/Objektgeschichte bzw. Baugestaltungs- und Restaurierungsphasen:

Mit seiner voll ausgebildeten Rahmenbinderbauweise und weiteren zeitlich frühen Konstruktionsdetails im Bereich der liegenden Stühle, zählt das Dachwerk zu den fortschrittlichsten Zimmermannskonstruktionen der 1. H. 15. Jh.
Lage, Konstruktion und Grundrissgliederung einschließlich der großen Lagerflächen sowie der bislang fehlende Nachweis einer Wohnnutzung lässt vermuten, dass es sich bei dem Gebäude um eine Art Zunfthaus handelte.


1. Bauphase:
(1442 - 1443)
Errichtung des Gebäudes (d).
Betroffene Gebäudeteile:
keine

Besitzer

keine Angaben

Fotos

Abbildungsnachweis
Nordostansicht, Schwörhausgasse 6, Schiefes Haus / Fachwerkhaus, sog. "Schiefes Haus" in 89073 Ulm (30.05.2018 - Christin Aghegian-Rampf)
Abbildungsnachweis
Südostansicht / Fachwerkhaus, sog. "Schiefes Haus" in 89073 Ulm (Christin Aghegian-Rampf)

Zugeordnete Dokumentationen

  • Bauhistorische Kurzuntersuchung

Beschreibung

Umgebung, Lage:
Im Altstadtzentrum gelegen.
Lagedetail:
  • Siedlung
    • Stadt
Bauwerkstyp:
  • Öffentliche Bauten/ herrschaftliche Einrichtungen
    • Zunfthaus
Baukörper/Objektform (Kurzbeschreibung):
Zweigeschossiger, giebelständiger Fachwerkbau über massivem Erdgeschoss mit zweistöckigem Satteldach.
Innerer Aufbau/Grundriss/
Zonierung:
Als direkter Zugang zum Fluss weist das Gebäude im Unterstock einen aufgeständerten Freigang auf. Daran schlossen wohl Wirtschafts- und Lagerflächen an. Im Oberstock ist wasserseitig eine verbohlte Stube belegt. Getrennt durch einen schmalen Gang, war im selben Schiff ein weiterer verbohlter Raum angelegt. Im Vergleich zum vorderen Raum ist er nahezu doppelt so groß und daher - unter Vorbehalt - als eine Art Saal anzusprechen. Eine Küche bzw. ein Feuerraum zuzuordnen, war nicht möglich. Offensichtlich war der restliche Grundriss ungeteilt (die Nutzung ist unklar).
Der 1. Dachstock besaß über die gesamte Dachlänge verlaufenden, mittig installierten einen Flur, der seitlich angelegte Lagerflächen zugänglich machte.
Vorgefundener Zustand (z.B. Schäden, Vorzustand):
Das Dachwerk ist lediglich geringfügig rauchgeschwärzt.
Bestand/Ausstattung:
keine Angaben

Konstruktionen

Konstruktionsdetail:
  • Dachgerüst Grundsystem
    • Sparrendach, q. geb. mit liegendem Stuhl
    • Sparrendach, q. geb. mit stehendem Stuhl
  • Dachgerüst, verstärkende Einbauten
    • Kehlbalken, Kreuzbänder, Sparrenstreben etc.
  • Decken
    • Balken-Bretter-Decke
  • Detail (Ausstattung)
    • Fenstererker
    • Wand-, Deckenfassung, Gefachmalerei
  • Dachform
    • Satteldach
Konstruktion/Material:
2. Dachstock:
Tragendes Gerüst bildet ein zweifach stehender Stuhl. Dieses Traggerüst war ursprünglich in vier Querachsen aufgestellt. Bemerkenswert ist, dass innerhalb der südlichen Giebelscheibe keine Stuhlkonstruktion abgezimmert war. Sie war erst im Rahmen des 3. Leergespärres angeordnet und unterstützte durch die auskragenden Pfetten einen hier angelegten Halbwalm.
Im Gegensatz dazu war am Nordgiebel ein Krüppelwalm angeordnet. Er lagerte ursprünglich auf einem Stichgebälk.
Die stehende Stuhlkonstruktion war auf Schwellen aufgezapft. Von den Schwellen ist ein kleiner Rest im Bereich des einzigen erhaltenen Stuhlständer erhalten. Die Längsaussteifung erfolgte durch angeblattet Steigbänder an der innen liegenden Längsachsenbundseite. Von den gesamten Aussteifungshölzern blieb kein Holz erhalten. Eine Queraussteifung existierte nicht. Die Bundseiten der Gespärre sind bis auf die beiden südlichen Lehrgespärre einheitlich nach Norden ausgerichtet. Innerhalb dieser Dachebene sind nahezu alle Sparren und Kehlbalken erhalten.
Am nördlichen Giebel deuten Kammvertiefungen an den Kehlbalkenunterseiten die Anlage einer ehemaligen Aufzugsvorrichtung an.
Die gesamte Dachebene war ursprünglich ungeteilt und diente mit hoher Wahrscheinlichkeit als Lagerfläche.

1. Dachstock:
Tragendes Gerüst bildet eine liegende Stuhlkonstruktion in Verbindung mit einem zweifach stehenden Stuhl. Diese Kombination ist in 3 inneren Querachsen abgezimmert. Die liegenden Stuhlständer (5 von ehemals 6 sind erhalten) sind in die Dachbalken eingezapft. Die stehenden Ständer sind bzw. waren auf Schwellen gegründet. In den Giebelscheiben wurden nur stehende Hölzer abgezimmert.
Bemerkenswert ist die Ausbildung des liegenden Stuhles. Während bei den jüngeren Konstruktionen die Kopfenden die Pfette insgesamt "einbetten" enden die Ständer hier unter der Pfette. Dieses Merkmal weist der Konstruktion ein hohes Alter zu und ist als baugeschichtlicher Beleg bei der Konstruktionsentwicklung vom stehenden (älteren) Stuhl zum liegenden (jüngeren) Stuhl zu sehen.
Statisch ist bemerkenswert, dass bis auf eine Ausnahme alle Binderquerachsen in vertikaler Abstimmung mit den Binderquerachsen im 2. Dachstock abgezimmert waren. Diese Ausnahme bezieht sich auf den südlichen Dachbereich. Hier ist die Binderlage des 2. Dachstocks im Vergleich zum 1. Dachstock um ein Lehrgebinde nach Süden versetzt.
Die Längsaussteifung an den liegenden Ständern erfolgte durch beidseitig angeblattete Bänder unter der Dachschräge. Im Rahmen der stehenden Stuhllängsachsen waren bzw. sind Kopfbänder eingebaut.
Hinsichtlich der Queraussteifung liegt das gleiche Konstruktionsprinzip vor. Bemerkenswert ist, dass nur die Queraussteifung an den liegenden Stuhlständern aus Eichenholz ist. Die restlichen Hölzer sind aus Nadelholz und wurden während einer modernen Sanierung zum Teil fälschlich mit Eichenholz ersetzt.
Bedingt durch das Traggerüst, wurde der Dachraum in drei "Schiffe" unterteilt. Ursprünglich waren sie über die gesamte Dachlänge durch stehende Bretterwände abgetrennt. Die Bretter waren durch Nuten in den beiden Mittelpfetten bzw. Mittelschwellen gefasst. Im Bereich des südlichen Giebels ist ein Teil einer solchen Bretterwand erhalten. Hier sind auch die zwei Türöffnungen vorhanden. Wie viele dieser Türen angelegt waren, ist heute nicht mehr festellbar. Bemerkenswert ist, dass innerhalb den Querachsen keine alten Abtrennungen nachweisbar sind.
Innerhalb des mittigen Dachflures wäre eigentlich der Treppenaufgang von unten zu vermuten.

Oberstock:
Das tragende Gerüst bildet ein einstöckig abgezimmertes Ständerwerk. Zur Aufnahme der Dachlasten besitzt dieses Gerüst konstruktiv verstärkte Achsen. Hierbei handelt es sich um die Verbauung von gedoppelten Unterzügen bzw. Rähmhölzern.
"Gedoppelt" ausgeführt waren ursprünglich:
- alle vier Längsachsen,
- zwei innere Querachsen.
Davon ist heute nur noch die ostwärtige Innenlängsachse und die südliche Innenquerachse erhalten. Die restlichen Achsen sind entweder ganz (westliche Traufe) entfernt oder stark zerstückelt (z.B. nördliche Innenquerachse).
Die gedoppelte Ausführung der Binderachsen ist baugeschichtlich bemerkenswert, da es sich bei dem untersuchten Gebäude um einen der ältesten Rahmenbinderbauten Süddeutschlands handelt. Diese Abzimmerungsvariante war notwendig, da durch die versetzte Anordnung der Binderachsen im 1. Dachstock und Oberstock keine vertikale Lastabtragung (Wand steht unter Wand) gegeben war.
Neben diesen verstärkten Achsen waren jedoch auch "einfach" ausgeführte Achsen abgezimmert. Dies waren die beiden Giebelachsen und die zweite Innenquerachse von Süd.
Diese Gerüstkombination wurde bzw. wird durch ein verblattetes Gefüge, bestehend aus eichenen Kopf- und Fußbändern, ausgesteift.
Durch das vorgegebene Gerüst ist die ursprüngliche Grundrissgliederung weitgehend rekonstruierbar. Demnach war in der Süd-Ost-Ecke eine verbohlte Stube angelegt (Teile der alten Wandverbohlung sind erhalten). Von besonderer Bedeutung ist hierbei die westliche Trennwand. Hier ist neben der vollständigen Verbohlung auch der alte (heute mit Backstein) vermauerte Zugang erhalten. Dieser Raum besaß ursprünglich eine leicht an den Enden gewölbte Bretter-Balken-Decke. In der Süd-Ost-Ecke wird ein Eck-Erker vermutet.
In Anbetracht des Gefüges weist dieser Raum eine Besonderheit auf: Im Gegensatz zum Innengefüge des Nordraumes reichen hier die Kopfbänder über beide Rähm- bzw. Unterzüge, während sie im Norden nur das untere Holz überblatten.
Dem verbohlten Raum war im Norden ein schmaler Gang vorgelagert. Nach Westen hin besaß er ursprünglich wohl keine Wandabtrennung. Die hier vermauerte Türöffnung wurde wohl nachträglich angelegt. Das Gebälk zeigt keine Spuren für einen ursprünglichen Rauchfang bzw. Kamin.
Den restlichen Grundriss im ostwärtigen Schiff nahm ein weiterer verbohlter Raum ein. Erhalten ist hiervon nur noch die Innenlängswand. Sie ist im südlichen Bereich leicht verändert. So befand sich der ursprüngliche Zugang ehemals an der Innenquerachse und wurde erst später, nach Umbau der Bohlenwand nach Süden verlegt. Ein Eckerker wird im Nord-Westen vermutet.
In beiden verbohlten Räumen waren die Bohlen innen sichtbar. An den Außenseiten war mittels kleiner Holzkeile ein Isolierauftrag angebracht. Mit großer Wahrscheinlichkeit war der vordere Raum mit einer geraden Bretter-Balken-Decke ausgestattet.
Die verbleibende Grundrissfläche im Westen war wohl ursprünglich ungeteilt und wäre daher als großer Freiraum mit integriertem Ständergerüst anzusprechen. Fundierte Aussagen vermögen jedoch erst weitere Befundöffnungen ermöglichen. Nagelspuren an den Unterseiten der Deckenbalken belegen, dass die Decke dieser Fläche ehemals aus untergenagelten Brettern mit profilierten Fugenleisten bestand. Zum Teil sind aufwendige Farbfassungen erhalten.

Unterstock:
Im Vergleich zum Überbau blieb im massiven Unterstock kaum mittelalterlicher Bausubstanz erhalten. Durch die wenigen Bauhölzer lässt sich die ursprüngliche Gliederung nur andeuten.
Sicher ist, dass die inneren Längsachsen in vertikaler Abstimmung mit den Achsen des Oberstocks angelegt wraen. Die ostwärtige Längsachse ist allerdings vollständig verschwunden, in der westlichen Längsachse deutet nur noch die nördliche Hälfte mit dem oberen Rähm den ehemaligen Achsenverlauf an. An der Westtraufe fehlen die Langhölzer ebenfalls, während im Osten das gedoppelte Rähmholz insgesamt erhalten ist. Die dort vorhandenen Blattsassen belegen die Ständerstellung innerhalb der Osttraufe. Aus ihr resultieren die Querachsen. Im Norden besteht eine vertikale Abstimmung zwischen Unterstock und Oberstock, während im Süden auffällige Differenzen vorliegen. So verläuft die südliche Innenquerachse ca 1,70 m hinter der Giebelflucht. In Verbindung mit dem nur kurz ausladenden Kopfband an der Osttraufe ist eine weiter Querachse im Süden zu vermuten. Analog zum heutigen Bestand ist daher schon für die Erbauungszeit ein im oder am Wasser gegründeter Freigang anzunehmen. Über dessen südlicher Begrenzung kragt der Oberstock aus. Dass hierzu ein kurzes Stichgebälk eingebaut war, ist zu vermuten.
Die oben angesprochene Innenquerachse besaß ehemals gedoppelte Rähmhölzer. Bis auf die nördliche Innenachse (hier ist noch der obere Balken = Deckenbalken erhalten) fehlen im Süden alle Querhölzer. Sie wurden im Zuge der langen "Stichbalkeneinbauten" entfernt. Zum Zeitpunkt dieses Umbaus wurde die südliche Begrenzung des Freiganges noch in Holz ausgeführt. Reste von alten Fensteröffnungen belegen, dass diese Begrenzung eine Wandfüllung besaß. Heute ist diese Wand durch eine leicht nach Norden versetzte Massivwand ersetzt.

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